Wolfgang Fabricius
Leistungsloses oder leistungsgerechtes Einkommen - wohin zielt solidarische Ökonomie?
In Heft 23 und 27/2007 hat jetzt auch der Spiegel die uns drohende Situation mit einer Graphik des WSI der Hans-Böckler-Stiftung gleich zweimal publiziert: Das Kapitaleinkommen nähert sich 2006 dem Arbeitseinkommen in exponentieller Form und dürfte es 2007 überrunden. Was geschieht, wenn mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes leistungsloses Einkommen ist? Diese Entwicklung diskutieren kritische Wirtschaftswissenschaftler seit Jahren ohne entsprechende öffentliche Beachtung zu finden. Die konkreten alltäglichen Auswirkungen dieser Entwicklung spürt jeder, der über kein entsprechendes Kapitaleinkommen verfügt. Ursachen und mögliche ökonomische Gegenstrategien sollen vorgestellt und diskutiert werden.
Neben seiner Aussage: "Das Marxsche Wertgesetz hat also ökonomisch-allgemeine Gültigkeit für eine Zeitdauer, die vom Anfang des die Produkte in Waren verwandelnden Austausches bis ins fünfzehnte Jahrhundert unsrer Zeitrechnung dauert." formuliert Engels im Nachtrag zum 3. Band des Kapitals seinen Albtraum, dass "die gesamte Produktion, industrielle wie agrikulturelle, und den gesamten Verkehr, Kommunikationsmittel wie Austauschfunktion, in den Händen von Börsianern" landet. Dieser Albtraum erfüllt sich offensichtlich zur Zeit: Profitmaximierung, leistungsloses Einkommen, wird immer schrankenloser und nimmt bereits 700-800 Mrd. Euro unseres Bruttoinlandsproduktes (BIP) in Anspruch. Aber viele Fonds sind Rentenfonds, mit denen Lehrer, Apotheker, Ärzte, Politiker, auf 'Riesterrente' sparende Erwerbstätige etc., über leistungsloses Zusatzeinkommen 'kapitalgedeckt' ihre Alterssicherung aufbessern wollen. Durch das bedingungslose Grundeinkommen (BDE) von 800 Euro pro Monat werden weitere 800 Mrd. Euro pro Jahr benötigt. Damit sind aber über 2/3 des BIP verausgabt und nur noch weniger als 1/3 steht für leistungsbezogene Arbeiten zur Verfügung. Leistung könnte mit der Gefahr des Importüberschusses im Ausland erbracht werden. Aber wie soll dann im darauffolgenden Jahr das BDE finanziert werden? Ein BDE kann also nur funktionieren, wenn das leistungslose Einkommen der Kapitaleigner schrittweise auf Null reduziert wird.
Welche Rolle kann hier die solidarischen Ökonomie spielen?
Warum übergeben die 'vielen kleinen Leute' ihr Geld anonymen Fonds, die dann als Heuschrecken ihre Löhne drücken oder gar ihren Arbeitsplatz wegrationalisieren? Wäre es nicht besser, das Geld in regionalen solidarwirtschaftlichen Projekten - zumindest der Daseinsvorsorge (Wohnung, Kleidung, Lebensmittel, Wasser, Energie, Bildung, Kultur, Mobilität etc.) - anzulegen, die in eigener Einflusssphäre mitgestaltet werden können und eine Reduzierung der Kosten des täglichen Bedarfs erlauben?
Wie das im einzelnen erfolgen könnte, wird dargestellt und muss diskutiert werden.